ey
 
»Das hat keine Wirkung« - Jürgen von der Lippe zeigt Geschmack und eiskaltes Kalkül

Interview: Mike-Dennis Müller (gekürzte Fassung, 11.06.2004)

Mit seiner aktuellen Tour "Alles was ich liebe" ist Jürgen von der Lippe momentan wieder unterwegs durch ganz Deutschland. In Bielefeld nahm er sich Zeit für ein ausgiebiges Interview und bewies, dass Comedian auch nur ein Job sein kann.

 
Ihr Markenzeichen sind eigentlich Hawaii-Hemden. Jetzt haben Sie keins an - wieso nicht?
»Ich bin jetzt nicht im Dienst. Ein Metzger hat seine blutbefleckte Schürze auch nicht außerhalb des Schlachthauses an.«
 
Wie sind sie zu den Hemden gekommen?
»Das ganze kam eigentlich durch meine Weigerung, im Fernsehen Anzüge anzuziehen und dann haben sich die Kostümbildnerinnen gegenseitig überschlagen in der Farbgebung der Hemden, und irgendwann war das mal meine Berufskleidung, das hab ich nie geplant. Ich finde es überhaupt nicht toll, es ist eigentlich ziemlich scheußlich.«
 
Sie sind regelmäßig im Fernsehen zu sehen und zudem mit ihren Bühnenprogrammen unterwegs. Was machen Sie lieber?
[lacht] »Mir macht das Nebeneinander von verschiedenen Tätigkeiten Spaß. Die Bühne - das hab ich oft gesagt - ist mein Beruf, nicht etwa das Fernsehen. Das heißt aber nicht, dass ich das Fernsehen jetzt herunterspielen will. Das macht riesigen Spaß, aber ich würde die Bühne nie aufgeben, weil das eine Tätigkeit ist, in die mir keiner reinredet. Ich muss mich dabei vor keinem Programmchef in irgendeiner Weise verantworten, das ist mein Ding. Und ich kriege ein direktes Feedback über meine Leistung. Das ist ja das Tolle: Wenn ich nicht so gut bin, dann lachen die Leute weniger, und wenn ich gut bin, dann lachen sie viel, und wenn ich sehr gut bin, dann lachen sie ganz viel. Das heißt, man kann sich da wenig vormachen - ob man gut ist oder nicht entscheidet das Publikum. Ich würde aber auch nicht 300 Tage im Jahr spielen wollen, das wäre mir zu aufreibend, denn das Tourneegeschäft besteht nicht nur aus diesen schönen zwei Stunden, die man auf der Bühne verbringt! Es besteht aus Reisen, Koffer einpacken, Koffer auspacken, schlechtem Essen, den immer selben Abläufen. Deswegen ist es für mich nötig, zwischendurch mal etwas anderes zu machen, damit ich mich dann wieder darauf freuen kann.«
 
Was war das aufregendste Erlebnis Ihrer gesamten Karriere?
"Schwer zu sagen, also wirklich schwer zu sagen. Es hat jede Menge komische Geschichten gegeben, ich stand mal auf der Bühne in Syke, und die Leute haben applaudiert wie verrückt, ich dachte, mein Gott, bist Du gut; es lag aber daran, dass Rudi Carrell hinter mir stand, der sich auf die Bühne geschlichen hatte, da er in Syke wohnt. Ich hab vor sehr vielen Leuten gespielt, ich glaub, 20.000 war der Rekord Open-Air in Gera, das ist ein Gefühl, das schwer zu beschreiben ist, wenn 20.000 Leute Zugabe wollen. Das sind alles so Momente, die jeweils ihre ganz eigene Qualität haben, das kann man auch ganz schwer gegeneinander abwägen, die sind alle irgendwo - jeder für sich - schön, und das Ganze ist eine Summe von herrlichen Momenten, die man alle nicht missen will, aber es gibt jetzt nicht eigentlich so das Aufregendste, das gibt es eigentlich nicht, jeder Auftritt hat eigentlich tolle Momente, das kann irgendein Zwischenruf sein, und man hat nun wirklich eine geniale Idee, und da freut man sich noch 2 Wochen drüber. Also es sind nicht unbedingt die großen spektakulären Dinge, es ist nicht unbedingt, dass man auf die Bühne geht und eine 'Goldene Kamera' bekommt oder die 2. 'Goldene Kamera' oder den Grimme-Preis oder den Telestar -, obwohl der Telestar war insofern natürlich auch sehr geil, weil er mir von Dame Edna überreicht wurde. Dame Edna ist ein englischer Komiker, der im Frauenkostüm eine Talkshow viele Jahre gemacht hat, mittlerweile ist er so ein bisschen verschwunden, glaube ich, und dass war natürlich zu der Zeit gerade ein Superstar, vor allem ich stand da immer sehr drau…Das ist schon ganz toll, so was, oder meinetwegen dass Madonna mich umarmt hat auf dem Sofa von Thomas Gottschalk, auch schön. [lacht verschmitzt] "
 
Und wie ist es, schon so lange im Geschäft zu sein - wird man es nicht irgendwann einmal leid?
»Nö, das ist ja eine Sucht. Also wir sind ja suchtkrank, da darf man sich nichts vormachen. Dieser Wunsch nach Applaus und Zustimmung, das ist ja nichts, was einem irgendwann mal vergeht. Man merkt vielleicht, dann man nicht mehr ankommt und dann sagt man, man möchte nicht mehr... [lacht] Nein, ich denke, dass das eine ganz normale Reaktion ist, wie ich sie auch von vielen internationalen Stars kenne, die eben auch schon sehr alt geworden sind. Unsereins möchte ja eigentlich auf der Bühne sterben, das ist so die Idealvorstellung.«
 
Können Sie noch über Witze lachen?
»Sicher, wenn ich sie nicht kenne - was aber schwierig ist, denn man kennt schon ziemlich viele.«
 
Können Sie mir spontan einen erzählen?
»Nein, ohne Publikum nie. Man erzählt einem Mikrofon keine Witze, das hat keine Wirkung. Witze macht man für Publikum, und zwar für mehr als einen jungen Mann mit einem Mikrofon, das funktioniert nicht. Jeder sagt, "Haben Sie mal schnell einen?" und dann erzählt man einen, aber der Interviewer kann meist nicht lachen, weil er ihn nicht versteht, und die Leser denken dann: Och, das ist aber nicht so toll. Man ist ganz schlecht beraten, wenn man das macht.«